Montag, 16. Januar 2017

Franz Dobler - Ein Schlag ins Gesicht

5 von 5 🌟

Fallner ist abgestĂŒrzt. Sein neuester Fall dreht sich um ein Sexfilm-Sternchen. Dazu lĂ€uft alter Punk. Verzweifelt komisch schreibt Franz Dobler in "Ein Schlag ins Gesicht" ĂŒber die nicht nur gute alte Zeit.   
Robert Fallner nennt Dobler seinen geschlagenen Helden, und in diesem Namen steckt schon der Kern der Figur: Der Gefallene einerseits, andererseits der Fall, den es zu lösen gilt. Dieser Fallner, im ersten Band völlig neben der Spur, steht inzwischen auf dem Abstellgleis. FĂŒr die Polizei nicht mehr tragbar, hat er den Dienst quittiert und heuert in der Security-Firma seines hassgeliebten Bruders an. Was sich wie eine weitere Niederlage anfĂŒhlt.
Es sind die, die am Ende sind. Die vielleicht vor langer Zeit mal „in“ waren, oder „cool“, die aber schon lange nicht mehr mit der Welt da draußen Schritt halten wollten oder auch nur konnten, wenn Sie ehrlich sind.

„Der Rest ging im Sturm unter, der jetzt im Raum ausbrach – die Rentner gingen unter, der Hund bellte…..die Theke fĂŒllte sich klirrend mit Flaschen und GlĂ€sern“.

In dieser Kneipe am Silvesterabend, die eine Minute vorher noch so behaglich mit ein paar gestrauchelten Gestalten gefĂŒllt war.

Armin, der Punk (damals) und Fallner, der Polizist (ehemaliger), TrĂŒbsinn, Alkohol, Aussichtslosigkeit (was die Frau von Armin und die LebensgefĂ€hrtin von Fallner angeht, beide weg. Dauerhaft). DetailliertEr Ausblick auf die Protagonisten, klar direkt, schnörkellos, gut.

Das einzige, was bis zu diesem Auftritt der attraktiven Frauen, alle im roten Mantel gekleidet, störte, war der desaströse Musikgeschmack des Enkels des Wirts, der an diesem Abend den Laden bediente. Da kennt sich Fallner aus, da hat er ganz eigene Vorstellungen.

Die ansonsten in seinem Leben gerade wohl alle die Biege gemacht haben, einen festen Rahmen, eine klare Ausrichtung, die hat dieser Fallner schon lange nicht mehr. Ein „Gefallener des Lebens“ eben. Unter so vielen, die nur noch Randgestalten im eigenen biographischen Film darzustellen scheinen.

Der erfolgreiche Bruder hat Fallner einen kleinen Auftrag als nunmehr „Privatier“ gegeben. Den Beschwerden einer ebenso alternden (wie immer noch gecken) „Schauspielerin“ ĂŒber einen Stalker nachzugehen. Wobei das „Schauspiel“ in den „berĂŒhmten Rollen“ eher an anderen Attributen festgemacht wurde, als an darstellender Kunst oder gar dem Text, den Simone Thomas vielleicht barbusig auch noch gemurmelt haben könnte.

Ein Stalker, der nicht nur nicht zu fassen, sondern auch gar nicht zu sehen ist. Außer von Simone, die steif und fest behauptet, da wĂ€re einer.

Und Fallner nimmt das durchaus ernst. In seiner trockenen, zynischen, stĂ€ndig hochironischen Sprache, in der Dobler sattsam AnklĂ€nge an die „coolen MĂ€nner“ der alten Hollywoodthriller erinnert.

Und auf dem Weg in die Hinterstuben einiger heruntergekommenen Gastronomie, im Hinterkopf den Betrug seines Ex-Kollegen, der ihm eine Waffe untergejubelt hat, damit er sich in Ruhe Fallners Frau „vornehmen“ kann, dringt dieser Fallner tief hinein in die „70er“, die damaligen Helden, das GefĂŒhl der Zeit, das im Haus der Simone Thomas irgendwie stehen geblieben sein könnte

„Sein Leben war eine Kette von Fehlern. Er hatte dem Bruder sein Wort gegeben und dummerweise war „Sein-Wort-geben“ eine Dummheit, die man nicht löschen konnte“.

Die aber durchgezogen wird, auch das ein Relikt aus Zeiten, als ein Wort noch galt.

Auch diesmal wieder nicht mit zarter Hand schickt Dobler seine Personen in eine sich stĂ€ndig entfaltende und verĂ€ndernde Geschichte. Mit spĂŒrbarer Lust an der Gestaltung des Scheiterns damals und heute, dem Anblick des Gefallen-Seins bei Menschen, bei denen jedes „wieder aufstehen“ mĂŒhseliger und mĂŒhseliger wird.

Und das in solch hinreißender, anderer, zynischer, verdrehter Sprache, dass der eigentliche „Fall“ und seine „Lösung“ mehr und mehr in den Hintergrund treten beim Genuss, diesem Personal in seiner Vielfalt beim agieren zuzschauen.