Donnerstag, 20. Juli 2017

Carl Wilckens - 13: Das Tagebuch

5 von 5 🌟 spannend von der ersten bis zur letzten Seite 

Godric End, Symbolfigur des BĂŒrgerkriegs in Dustrien, ist in Gefangenschaft geraten. FĂŒr eine Zigarette pro Tag erzĂ€hlt er den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte: Ich war elf, als ich zum ersten Mal tötete. Meine Jugend verbrachte ich in einer Drogenhölle ohne Sonnenlicht. Mein einziger Freund war der Hunger. Worte wie Freundschaft, Vertrauen oder Hoffnung bedeuten mir nichts. Das Leben eines Menschen ist fĂŒr mich nicht mehr wert als das einer Ratte. Ich kann euch töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich bin mehr Bestie denn Mann und ich giere nach einer Droge namens Perl. Trotzdem nennt man mich einen Helden. Ihr habt von mir gehört, von Godric End, dem FreiheitskĂ€mpfer. Aber die Wahrheit ĂŒber mich kennt ihr nicht. Sie ist ein scheues und manchmal hĂ€ssliches Tier. Ihr sollt meine Geschichte hören. Die Geschichte von meinem Dasein im Rumpf der Swimming Island, von meiner Zeit als Auftragsmörder und von meiner ersten Liebe. Von der Suche nach meiner Schwester und dem Untergang der Welt.

Ich habe erst nur die sogenannte RĂŒckseite des Buches gelesen und war keineswegs ĂŒberzeugt, aber ich habe gelernt nicht immer auf den ersten Blick zu urteilen,  denn ich glaube,  das zeichnet einen Blogger aus. Und ich bin froh, das ich mich nicht habe abschrecken lassen.  Denn das Buch ĂŒberzeugt. Es ist sehr fesselnd und spannend, und irgendwie ganz anders als alles, was ich in diesem Jahr gelesen habe.

Anbei ein kleiner AussagekrÀftiger Auszug:
GODRIC END 
Wahnsinn, Scharfsinn und Skrupellosigkeit. 
Dies sind die drei Dinge, die einen Menschen gefĂ€hrlich machen. Nicht seine StĂ€rke oder seine Waffen. Ein Muskelpaket mit einem Revolver in jeder Hand ist harmlos, wenn er zögert, dumm oder berechenbar ist. 
Ich bin schon immer klug gewesen. Mein Gewissen hatte der Unterrumpf verschlungen. Und mein Verstand sollte bald folgen. Ich war nur ein Kind, aber ich entwickelte mich bald zum Schrecken des Unterrumpfes. Zum Tod aus den Schatten. 
Meinen zweiten Mord beging ich an Olli. Er starb nicht durch meine Hand, aber durch meine List. Als ich den Weg zum Batteriedeck zurĂŒckverfolgt hatte, war ich beinahe ein zweites Mal in jenen Stolperdraht gelaufen, der eine tödliche Klinge aus der Wand klappen ließ. Jemand hatte die Falle wieder scharf gestellt. 
Nun trug ich den Siegelring und betrat den Hauptgang, auf dem der Pelz lebte. Ich wusste, wenn ich leise war, wĂŒrde ich das Biest nicht anlocken. Ich wusste außerdem, dass unweigerlich jemand auf mich aufmerksam wĂŒrde, wenn ich mich hier aufhielt. Viele SĂŒchtige lauerten hier, um die Leichen zu plĂŒndern, die der Pelz zurĂŒckließ. Wenn jemand den Ring an meiner Hand sĂ€he, wĂŒrde er versuchen, ihn zu stehlen. 
Dann wollte ich ihn in den Gang lotsen, in dem der Stolperdraht gespannt war. Es war Zufall, dass ausgerechnet Olli den Köder schluckte. Dieses Mal vergeudete er keine Zeit mit dem Versuch, mich zu sich zu locken. Wortlos sprang er auf den Gang und stĂŒrmte auf mich los. FĂŒr einen Moment war ich vor Schreck wie erstarrt. Olli lief schnell und doch leise. Er hatte den Pelz nicht vergessen, war geistesgegenwĂ€rtig, nicht zugedröhnt. 
Ich wandte mich um und folgte dem gekrĂŒmmten Verlauf des Hauptganges zurĂŒck, so schnell mich meine Beine trugen. Meine Schritte klangen beunruhigend laut auf dem metallenen Boden. Mein Herz hĂ€mmerte. Ich rechnete jeden Augenblick damit, die stampfenden Schritte des BĂ€ren zu hören. Wo war diese Abzweigung, die mich aus dem Hauptgang und direkt zum Stolperdraht fĂŒhrte? Dort! Ich bog nach links ab und rannte weiter, Olli mir dicht auf den Fersen. Nun, da keine Gefahr mehr durch den Pelz bestand, schickte der PerlsĂŒchtige FlĂŒche voraus. 
„Bleib stehen, du Missgeburt! Gib mir den Ring, dann wird dir nichts geschehen.“ 
Dass er log, war offensichtlich. Olli hatte nur aus einem Grund ĂŒberlebt, nĂ€mlich weil er die wichtigste Regel dieses Ortes befolgte: Töten oder getötet werden. Ich passierte eine Kreuzung und sprang mit einem weiten Satz ĂŒber den Stolperdraht hinweg. Und wenn er die Falle kennt?, schoss es mir durch den Kopf. Warum hatte ich nicht eher daran gedacht? Vielleicht war Olli ja derjenige, der sie scharf gestellt hatte. 
PENG! Ein ekelhaft matschiges GerĂ€usch ertönte, als die Klinge Olli in zwei HĂ€lften schnitt. Ich blieb stehen und wandte mich schweratmend um. Da lag er, den Leib knapp unterhalb der Brust durchtrennt. Bunte Schlangen wanden sich aus seiner unteren HĂ€lfte, wĂ€hrend er mich aus großen irislosen Augen anstarrte. 
„Du … du …“ 
Ich trat vor ihn und fing an, die Taschen von Hose und Mantel zu durchstöbern. Ich fand einige nĂŒtzliche Dinge, aber das mit Abstand Wertvollste war eine fast volle Streichholzschachtel und ein kleines AluminiumkĂ€stchen mit Zigaretten. 
„Du …“ 
Ich sah die Wut in Ollis sterbendem Blick, als ich seinen Besitz an mich nahm. Ein letztes Mal, bevor das Ich meiner Kindheit einer neuen, gnadenlosen Persönlichkeit wich, verließ ich meinen Körper und beobachtete mich selbst. Ich öffnete die Aluminiumschachtel und nahm eine der Zigaretten heraus. Ich zĂŒndete sie mit einem Streichholz an und zog daran. Der Rauch biss mir in die Lungen, und ich hustete. Der zweite Zug ging schon besser. Ich ging in die Hocke und blies Olli den Rauch in die weit geöffneten, leeren Augen. 
Ich werde euch die Einzelheiten der weiteren GrĂ€ueltaten ersparen. Es sei nur so viel gesagt, dass es viele waren. Der Unterrumpf lehrte mich, einem Menschenleben nicht mehr Wert beizumessen als dem einer Ratte. Jeder Mord, den ich beging, machte mich stĂ€rker, machte mich reicher und … ließ eine immer grĂ¶ĂŸere Leere in meinem Innern zurĂŒck. Ich vergaß, was es bedeutete, ein Gewissen zu haben. Furcht wurde zu einem Wort, das ich nicht mehr verstand. 
Bald verließ ich die KonstruktionsschĂ€chte und erkundete weitere Teile des Rumpfes. NatĂŒrlich versuchte ich, weiter nach oben zu gelangen in der Hoffnung, Sonnenlicht auf meiner blassen Haut zu spĂŒren. Doch je nĂ€her man dem Deck kam, desto schwerer wurde ein Durchkommen. Man traf auf viele verschlossene TĂŒren und bewachte DurchgĂ€nge. Zudem nahmen die SĂŒchtigen, die auf den höheren Ebenen lebten, weniger Perl zu sich. Mit anderen Worten: Sie waren meist nicht zugedröhnt, litten unter Entzugserscheinungen und waren daher ernstzunehmende Gegner. Hingegen: Je weiter man nach unten in den Rumpf vordrang, desto zwielichtiger wurden die Bewohner. 
Auf den unteren Ebenen drĂŒckte einem die Stille des Ozeans auf die Trommelfelle. Stetes Tropfen hallte durch die GĂ€nge, dann und wann unterbrochen vom stĂ€hlernen Stöhnen des Schiffes. An vielen Stellen sammelte sich Wasser. Bewuchs, der mancherorts lumineszierend leuchtete, bedeckte Boden, Decke und WĂ€nde. 
Bei einem meiner seltenen ErkundungsgĂ€nge in diesem Teil des Rumpfes traf ich auf den wohl am schlimmsten zugerichteten PerlsĂŒchtigen, der mir je begegnet ist. Das MerkwĂŒrdige am Perl ist, dass es die Menschen zwar langsam zu töten scheint, aber wohl nie zum Ende kommt. Der Mann war nackt. Haut, Haar und Augen weiß wie Schnee… nur seine Pupillen waren schwarz. Seine Haut spannte sich straff ĂŒber sein Skelett und so erinnerte er mehr an eine wandelnde Leiche denn an einen lebenden Menschen. Er stand bloß da in einer Grotte und starrte an die Wand. Ich musterte ihn eine Zeit lang. Dann schnitt ich ihm die Kehle durch. 
Vielleicht habt ihr geglaubt, dass fĂŒr jemanden wie ihn die Regel Töten oder getötet werden nicht gilt. Aber gerade PerlsĂŒchtige werden, sobald die ersten Entzugserscheinungen eintreten, sehr vital, einfallsreich und unberechenbar. Ich...

Das zeigt ein bissel das Leben, in welchemGodric End gezwungen wurde. Töten oder getötet werden, eine Grenze hat Godric aber nie ĂŒberschritten.  Kannibalismus,  er leckte Rost von den Rohren oder ass verschimmeltes Brot aber wirklich nie, niemals Menschenfleisch.

Als Godric gefangen und eingesperrt wird, huldigen ihm bei seinem Namen die MithĂ€ftlinge. Er macht ihnen aber schnell klar, das er alles andere als der mutige Held ist, den alle in ihm sehen wollen. FĂŒr eine Kippe am Tag will er seine Geschichte,  die ihn dahin gefĂŒhrt hat, erzĂ€hlen.

End berichtet von seiner Zeit auf der Swimming Island, einem gigantischen Piratenschiff, mit gefĂŒrchtetem KapitĂ€n und bösartiger Mannschaft. Hier erhĂ€lt er ein Tagebuch von einem jungen Mann, der Ends verlorene Schwester kennt. Er wirkt bei seiner eigenen ErzĂ€hlung mehr als Tier und Bestie, denn als Mensch.  Er wurde immer geschickter im Bereich andere zu meucheln.

Diese ganzen HandlungsstrĂ€nge sind toll miteinander verwoben, obwohl doch jeder Part an sich eine eigene Storyline hat. Aber da muss man Carl Wilckens loben fĂŒr diese geniale ZusammenfĂŒhrung.

Zu Beginn ist man eigentlich ausschließlich auf Godric End fixiert, das auch so vom Autor beabsichtigt wurde, nach und nach Erscheinen - fast wie aus Nebeln weitere Gestalten die geschickt in den Vordergrund rĂŒcken. Wie zum Beispiel ĂŒber das Tagebuch seine Schwester und William dem Verfasser der Zeilen des Tagebuchs. Das ganz fĂŒhrt dazu, das man WISSEN MUSS wie alles zusammenhĂ€ngt. 
 
Trotzdem werden bei den Parts von Emily regelrechte Bilder mit Worten gemalt. Und die es unheimlich interessant machen.

Der Schreibstil des Autors ist einfach fesselnd und mitreißend und zu keinem Zeitpunkt langatmig oder langweilig.  Die SĂ€tze sind jurz und knapp und nur selten ausschweifend. Es hat alles etwas tiefsinniges, so als mĂŒssten diese SĂ€tze so und nicht anders zusammensetzen.




Carl Wilckens Sprache hat mich an dem Buch vermutlich am meisten begeistert. Sie ist authentisch und mitreißend. Trotz kurzer, ĂŒberschaubarer SĂ€tze klingt fast alles tiefgrĂŒndig und stellenweise fast poetisch, ohne dabei aber zu hochtrabend oder zu gewollt zu wirken. Vielleicht ist es vielfach auch die Schlichtheit und die Unaufgeregtheit der Sprache, die alles fĂŒr mich so aufregend gemacht hat. Auf jeden Fall entstanden in meinem Kopf von der ersten Seite an durchgehend Bilder. Der Autor schafft es Beschreibungen und AtmosphĂ€ren punktgenau rĂŒberzubringen und alles absolut verstĂ€ndlich und nachvollziehbar zu vermitteln.

Die Figur des Godric End ist sehr gut gezeichnet, er besitzt viele Facetten und ist in meinen Augenein richtiger Antiheld. 
 
Ein wirklich aussergewöhnliches Werk, was ich so zuvor noch nie gelesen habe. 

Eine glasklare Leseempfehlung! Hoffentlich hören wir von dem Autor noch viel mehr in diesem Schreibstil!
 
Obwohl mir das Buch zu Rezensionstecken zur VerfĂŒgung gestellt wurde, hat dies keinerlei Einfluss auf diese Bewertung.  Denn das Buch hat es einfach verdient, in voller Inbrunst gelobt zu werden.

Erschienen ist das Buch im Abacus Verlag,  wo es das Buch auch zu Kaufen gibt, oder auch hier:

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